9. Wie Saemund der Weise seinem Stallknecht das Fluchen abgewöhnte
Einmal diente bei Saemund dem Weisen ein Stallknecht, der schlimm aufs Fluchen war, und oft rügte ihn der Pfarrer deswegen. Er sagte dem Stallknecht, daß der Teufel und seine Teufelchen von den Flüchen und bösen Worten der Menschen lebten. »Ich würde wahrhaftig nie mehr ein böses Wort sagen,« sagte der Stallknecht, »wenn ich wüßte, daß der Teufel dadurch hungern muß.«
»Ich werde ja bald erfahren, ob du es ernst meinst oder nicht,« erwiderte Saemund.
Er setzte nun ein kleines Teufelchen in den Stall. Dem Stallknecht aber gefiel der Gast nicht; denn das Teufelchen tat alles, um ihn zu necken und zu ärgern, und der Stallknecht hatte seine liebe Not, sich des Fluchens zu enthalten. Jedoch gelang es ihm eine Zeitlang, und er sah bald, daß das Teufelchen mit jedem Tag magerer wurde; er freute sich köstlich, als er das merkte und fluchte jetzt nie mehr.
Als er eines Morgens in den Stall kam, fand er alles kurz und klein geschlagen und sämtliche Kühe, deren eine große Menge da war, mit den Schwänzen zusammengebunden. Da wandte sich der Stallknecht an das Teufelchen, das so erbärmlich und elend in seinem Stand lag und überschüttete es unter den furchtbarsten Schimpfworten und greulichsten Flüchen mit seinem Zorn. Zu seinem großen Kummer und Arger mußte er dann mitansehen, wie der Kleine wieder auflebte und plötzlich so rund wurde, daß nicht viel gefehlt hätte, bis er ganz feist geworden wäre. Da wurde der Stallknecht wieder ruhig und hörte mit seinem Fluchen auf. Er sah nun, daß Pfarrer Saemund die Wahrheit gesprochen hatte, legte das Fluchen ab und sprach seitdem kein böses Wort. Das Teufelchen, das von seinen schlechten Redensarten leben sollte, ist denn auch schon längst tot und verschollen.
Und es wäre wohl für dich und mich am besten, wenn wir es ebenso machten wie der Stallknecht.
10. Der Teufel und der beschränkte Bursch
Es wurde einmal ein Bursch, den man für außerstande hielt, etwas zu lernen, zu Sira Saemund gebracht, damit dieser ihm Religion beibringen sollte. Der Bursch aber war sehr beschränkt, und es fiel ihm äußerst schwer, etwas zu begreifen; er selbst war sehr betrübt darüber, und so manches Mal wünschte er sich Auffassungsgabe. Da träumte er eines Nachts, daß ein Mann zu ihm käme und ihn fragte, ob er wünschte, daß er ihm Auffassungsgabe verliehe. Dem Burschen war es, als sagte er ja dazu. Da verlangte der Traummann als Entgelt dafür, daß der Bursch im nächsten Frühjahr zur Kreuzmesse bei ihm Dienst nähme, und der Bursch willigte ein. Darauf verschwand der Traummann.
Nach dieser Nacht fiel dem Burschen das Lernen so leicht, daß der Pfarrer sich schier darüber wunderte; zugleich aber war der Bursch ein ganz anderer geworden, als er zuvor gewesen war; denn jetzt war er traurig und schwermütig. Dem Pfarrer fiel das auf, und er begann, ihn nach dem Grund dieser Veränderung zu befragen. Lange wollte der Bursch nichts darüber sagen, schließlich aber erzählte er dem Pfarrer, wie alles gekommen sei. Dem Pfarrer wurde dabei etwas sonderbar zumute, und er sagte, daß es wohl kaum ein Mensch gewesen wäre, von dem er damals geträumt hätte, sondern vielmehr der Teufel, der ihn in sein Netz locken wollte; nichtsdestoweniger aber bat ihn der Pfarrer, guten Muts zu sein und nach bestem Wissen zu handeln. Der Winter verstrich, und man näherte sich der Zeit der Kreuzmesse.
Am Abend vor der Kreuzmesse gebot Saemund dem Burschen, ihm nach der Kirche zu folgen. Als sie dort hingekommen waren, führte ihn der Pfarrer an den Altar, zog ihm die Meßkleider an, gab ihm die Monstranz und den Kelch in die Hand und hieß ihn sich umdrehen. Er gebot ihm, dort stehen zu bleiben, ohne sich zu bewegen, und jedem, der zu ihm träte, Brot und Wein zu reichen, und wenn der zu ihm Tretende nichts genießen wolle, so dürfe er nichts sprechen; und wenn Pfarrer Saemund auch selbst zu ihm käme, dürfe er ihn nicht ansprechen, wenn er Brot und Wein nicht genösse. Dann ging Saemund fort, der Bursch aber tat, wie ihm der Pfarrer vorgeschrieben hatte.