Er fragte, wer sie sei, sie aber erwiderte, sie sei die Königstochter Sigrid. Er fragte sie, warum sie so allein umhergehe; sie erwiderte, das geschähe aus Trauer über den Tod ihrer Mutter, und weil ihr Vater nicht zu Hause wäre. Der Königsohn sagte, da sie es nun selber sei, könne er gleich sagen, daß er gekommen sei, um ihre Hand zu begehren. Sie hörte sein Freien freundlich an, bat ihn aber, auf sein Schiff zu gehen, denn sie wolle weiter in den Wald hinein. Sie ging nun zu den Eichbäumen, riß sie mit den Wurzeln aus, nahm den einen auf den Rücken, den andern aber auf die Brust und trug sie so an die See und watete nach dem Schiff mit ihnen; hier nahm sie wieder ihre schöne Gestalt an, wie zuvor, und erzählte dem Königssohn, daß ihre Habe nun an Bord gebracht sei, weiteres besitze sie nicht. Dann segelten sie nach Hause, wo seine Eltern und Schwestern ihn mit großer Freude empfingen. Er gab ihr einen schönen Wohnraum und ließ die beiden Eichbäume vor ihre Fenster pflanzen. Nach Verlauf eines halben Monats kam er zu ihr und sagte, innerhalb zweier Wochen werde er sie heiraten und gab ihr gleichzeitig kostbaren Stoff, um Brautgewänder für sie beide zu nähen. Kaum aber war er fortgegangen, so warf sie die Kleider auf den Boden, raste mit großem Ungestüm herum und war ganz verwandelt und wurde zur schlimmsten Hexe; sie sagte, daß sie nicht wisse, was sie mit solchem Staat anfangen solle, sie, die nie etwas anderes getan hätte als Menschenfleisch essen und Pferdeknochen brechen; sie machte noch immer weiteres Gepolter und sagte, daß sie vor Hunger umkommen müsse, denn nie käme ihr Bruder Eisenkopf mit den Särgen, wie er versprochen hätte. Da aber öffnete sich der Fußboden des Zimmers und durch ihn hindurch stieg ein Riese herauf, mit einem ungeheuer großen Sarg in den Armen. Sie fingen beide an, den Sarg aufzubrechen, der voll war mit Menschenbäuchen. Beide begannen nun mit großer Gier zu essen, dann aber stieg ihr Bruder denselben Weg wieder hinab, ohne irgendeine Spur auf dem Fußboden zu hinterlassen. Als sie sich gesetzt hatte, tobte sie noch schlimmer als zuvor, zerrte an dem Stoff und wollte ihn zerreißen.
Von den Königskindern aber ist zu berichten, daß sie sich in den Eichbäumen befanden, von denen aus sie sahen, wie all dies vor sich ging. Da bat Asmund Signe, aus der Eiche herauszugehen, um zu versuchen, den Stoff für die Kleider zu erhaschen, damit sie das wilde Toben bei Tag und bei Nacht nicht mit anzuhören brauchten. Signe erfüllte seine Bitte; sie nähte nun, so gut sie konnte, die Kleider in sechs Tagen, trug sie hinaus und warf sie auf den Tisch. Die Hexe freute sich ungemein darüber. Der Königssohn kam zu ihr herein und empfing die Kleider aus ihrer Hand; er bewunderte ihre Geschicklichkeit, und sie trennten sich mit großer Freundlichkeit. Die Hexe benahm sich nun genau so wie zuvor, bis Eisenkopf kam; als Asmund dies tolle Rumoren sah, ging er zu dem Königssohn, den er bat zu kommen und sich ein Spiel anzusehen, das in dem Gemach der neuangekommenen Königstochter aufgeführt würde. Dem Königssohn wurde sonderbar zumute, als er derartiges von seiner Braut vernahm. Sie gingen beide dorthin und versteckten sich hinter der Wandbekleidung, von wo aus sie zu ihr hineinlugen konnten. Sie tobte noch immer und sagte zu Eisenkopf, als er kam: »Wenn ich erst mit dem Königssohn verheiratet bin, werde ich schon besser leben als jetzt, und dann werde ich das ganze Pack da drinnen in der Halle umbringen und mit meiner ganzen Sippschaft herkommen; dann werden sich wohl die Trolle über mich und meinen Gemahl freuen.« Der Königssohn wurde zornig, als er das hörte, so daß er Feuer an das Haus legte und es ganz zu Asche brennen ließ. Asmund erzählte ihm nun von den Eichbäumen, und er freute sich sowohl über die Schönheit Signes, wie über alles, was in ihnen war. Er freite dann um Asmunds Schwester Signe, Asmund aber freite um die Schwester Rings, und bald feierten beide Paare Hochzeit. Asmund zog dann nach Hause zu seinem Vater. Später aber übernahmen die beiden Schwäger das Reich nach ihren Vätern und regierten bis in ihr hohes Alter. Und damit ist diese Geschichte aus.
Die beiden Ebereschenbäume
Es wird erzählt, daß in alten Tagen ein paar Geschwister aus gutem Stamm auf den Westmändsinseln lebten. Da geschah, daß das Mädchen daheim im Elternhause schwanger wurde, und da sich die beiden Geschwister sehr liebten, verbreiteten böse Zungen das Gerücht, daß der Bruder des Mädchens der Vater des Kindes sei, das sie erwartete. Das Gerücht erreichte denn auch das Ohr des Gesetzgebers dort auf den Inseln, weshalb er die Sache zu untersuchen begann.
Es nützte weder, daß der Bruder leugnete, dieses Verbrechens schuldig zu sein, und bei allem, was ihm heilig war, schwor, daß er unschuldig sei, noch daß seine Schwester ihn jeder Schuld freisprach und einen anderen Mann, der damals von den Inseln abwesend war, als Vater des Kindes nannte. Und weil das Verbrechen der Blutschande damals hierzulande scharf geahndet wurde, selbst wenn die Obrigkeit weiter nichts hatte als einen unbewiesenen Verdacht, an den sie sich hielt, wurde ein Todesurteil nach dem anderen über solche Angeklagten gesprochen, und das war auch hier der Fall. Die beiden Geschwister wurden zum Tode verurteilt, und das Urteil wurde vollzogen. Es wird aber erzählt, daß sie auf dem Richtplatz den Herrgott mit Tränen baten, nach ihrer Hinrichtung ihre Unschuld zu beweisen, wenn die Menschen bei ihren Lebzeiten nicht daran glauben wollten; auch sollen sie ihre Eltern gebeten haben, dafür Sorge zu tragen, daß sie in einem gemeinsamen Grabe auf dem Kirchhofe ruhen dürften. Darauf wurden sie hingerichtet, und nach vieler Mühe und wahrscheinlich nur durch reiche Spenden an Kirche und Geistlichkeit, wie es ja meist in jenen Zeiten nötig war, erreichten die Eltern, daß ihre Kinder auf dem Kirchhof beerdigt wurden; in demselben Grabe durften sie jedoch nicht liegen; der eine sollte südlich, die andere nördlich von der Kirche bestattet werden, und dort mußten sie auch liegen.
Als eine Zeit verstrichen war, entdeckten die Leute, daß aus jedem Grabe der beiden Geschwister ein kleiner Ebereschenstamm emporsproß. Diese Stämme nahmen eine natürliche Entwicklung und wurden immer größer, bis sich ihr Geäst über dem Dachfirst der Kirche vereinigte, und da dachten die Leute, daß Gott, als er die Ebereschenbäume aus ihren Gräbern erwachsen ließ, ohne daß eine Menschenhand, so viel man sehen konnte, sie dort angepflanzt hatte, den Lebenden die Unschuld der beiden Geschwister beweisen wollte. Der Umstand aber, daß sich die Bäume da oben über dem Dachfirst begegneten und ihre Blätter und Zweige ineinanderflochten, schien auf das unschuldige und liebevolle Zusammenleben hinzuweisen, das zwischen diesen Geschwistern im irdischen Leben geherrscht hatte, und auf ihre Sehnsucht, nach dem Tode in demselben Grabe ruhen zu dürfen.
So standen und wuchsen diese Ebereschenbäume lange Zeit, bis der Türkenhund früh im 17. Jahrhundert mit Heeresmacht über die Westmändsinseln herfiel, Gut und Menschen raubte und allerlei Greueltaten verübte, wie ja bekannt genug ist. Eine der Gewalttätigkeiten der Türken, so erzählt die Sage, war die, daß sie die beiden Ebereschenbäume auf jenem Friedhof umschlugen, und sie drohten, auf die Inseln zurückzukommen und alles zu verheeren und zu rauben, wenn diese Bäume das nächste Mal so hoch würden, wie sie gewesen wären.
Man hat aber nicht gehört, daß die Bäume von dieser Zeit an wieder heranwuchsen, und das wurde als eine große Gnade Gottes angesehen, denn wenn das geschehen wäre, dann hätte der Türke schon Wort gehalten.
Der glühende Schlüssel
Es war einmal ein Schafdieb, der sich an einem abgelegenen Ort mit einer fetten Hammelkeule (andere sagen, daß es ein Bruststück war) in der Hand hinsetzte, die er gestohlen hatte und nun beabsichtigte, sie in Ruhe und Muße zu verzehren. Der Mond aber schien blank und hell; denn es war keine Wolke am Himmel. Da redete der Dieb den Mond mit folgenden schändlichen Worten an, indem er ihm gleichzeitig das Messer mit einem Fleischstück auf der Spitze entgegenhielt: