»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog.

»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.

Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die Finsternis erwürgte mich.

Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.

»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir scheiden werden.«

Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.

»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat.

Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles:

»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?«

»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«