Mich quält nur eine Frage: Hast du mich lieb, sag an?! So bleib in diesem Lichte, das ich nicht trüben kann.
Frag nicht, weshalb ich frage. Aus Zweifel frag ich nicht. Es gibt nur eine Klage der Liebe, die um Licht.«
Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des Morgens erwachte.
Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.«
Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! —
Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen Meer des Lebens für mich.
Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den Feldern.
Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.
Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung und Verkündigung und ein erlösendes Glück.