Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.
Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.
So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen.
Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte.
Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.
Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer Mutter führte:
»Geh nicht fort.«
Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein.
Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich am längsten sträubt.
Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?