Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?

Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht achtet und Zerstörung sät.

Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten.

Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?

»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«

Das war Asjas Stimme.

Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen mußte.

Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen Seufzer:

»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für das Licht gewesen.«

Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.