»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.«
Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.
»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.«
Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.
Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.
Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.
Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen die Stimmen der Singvögel.
Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.
Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.