»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben, und dann wird er es sein.
Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.
Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm?
Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder bin ich gehorsam? Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell bist.«
So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.
Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.
Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...
Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand.
Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.
Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und nahm mit beiden Händen meine Hand: