Der Hauslehrer:
Aber sind Sie nicht der Sohn?
Der Sohn:
Ja, deshalb bin ich im Recht! Das kann keiner verstehn außer mir. Später verliert man die Balance mit sich in dieser Zeit. Lieber Doktor: vielleicht werden wir uns nicht wiedersehn. Hören Sie noch einen blutenden Rat aus meinem Herzen: wenn Sie jemals einen Sohn haben, setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Denn der Tag kommt, wo Sie Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt.
Der Hauslehrer:
Lieber Freund, wir werden uns allesamt in dieser Welt verirren. Weshalb wollen Sie so grausam sein! Gehn Sie doch auf die Straße und sehen Sie ein Tier an, das vor dem Donner erschrickt. Wissen Sie, wie hungrigen Mädchen zumute ist, und sind Sie einmal einem Krüppel begegnet, der morgens um 6 Uhr Brot holt? Dann werden Sie dankbar sein, einen Vater zu haben. Jedem von uns geschieht unrecht, und jeder tut unrecht. Wer wirft den ersten Stein! Ich war ein armer Hund, und mein Vater hat für mich gearbeitet. Ich habe gesehn, wie er gestorben ist. Und ich habe geweint. Wer das erlebt hat, der richtet nicht mehr.
Der Sohn:
Wer hilft mir, wenn ich traurig bin? Glauben Sie, ich kann einschlafen jeden Abend, wenn ich schlafen muß? Glauben Sie, ich wüßte nicht, wie weh es tut, wenn man am Sonntag nicht aus dem Hause darf, wo doch jedes Dienstmädchen zum Tanze geht?
Mein Vater wird niemals dulden, daß jemand auf der Welt mein Freund ist. Ich habe die Süßigkeit eines ärmsten Bewohners noch nie gekostet. Und weshalb redet er nicht mit mir über Gott? Weshalb spricht er nicht von Frauen? Weshalb muß ich heimlich Kant lesen, der mich nicht begeistert? Und weshalb dieser Hohn über alles, was doch weltlich ist und schön? Glauben Sie, es genügt, wenn er mir manchmal am Abend das Sternbild des großen Bären zeigt? Er sitzt mit seiner Zigarre unten auf der Terrasse, wenn längst kein Automobil mehr in die Stadt fährt. Aber ich stehe oben und kämpfe mit allen Göttern und sterbe vor einer Frau, die ich noch nicht kenne. Wie oft bin ich des Nachts im Hemd über die Stiegen gewandelt, sehnsüchtig wie ein Geist, der keine Ruhe findet.