Menschengeist dringt über Äonen der Zeit, über unermeßliche Weiten des Raumes. Aber die enge Schale, aus der diese wunderbare Flamme lodert, verzehrt sich rasch selbst. Hier gilt es resignieren. Als Halley seine grandiose Prophezeiung wagte, stand er bereits dicht vor dem fünfzigsten eigenen Lebensjahr. Mehr als fünfzig Jahre sollten noch einmal darüber hingehen, ehe sein Komet wiederkam. Er hat ihn selber nicht mehr erlebt. Aber als er wirklich kam, unter höchster Spannung aller Wissenden genau zu dem Termin erschien: da erinnerte man sich, daß es »sein Komet« für alle Zeiten bleiben müßte. Statt einer Jahresziffer erhielt zum erstenmal ein Komet einen Menschennamen: Halleys Komet nannte man ihn.
Einer jener glücklichen Autodidakten, wie sie in der Geschichte der Wissenschaft immer wiederkehren, ein Bauersmann bei Dresden, der hinter seinem Pfluge ging, dabei aber Botanik und Trigonometrie, Physik und Philosophie auf eigene Faust bis zu gründlichster Tiefe studierte, Johann Georg Palitzsch, hatte um Weihnachten 1758 den großen Fund gemacht und als erster im Fernrohr den erwarteten Kometen gesehen.
Das Symbol der unberechenbaren Weltordnung, die mit dem Wunder des Kometen das Wunder irdischer Schrecken ansagte, besiegt durch die Ziffern wissenschaftlicher Rechnung! Diese Wiederkehr von 1758/59, die in das Zeitalter Friedrichs des Großen und Voltaires fiel, zehn Jahre nach Goethes Geburt, ist ein Weltanschauungswert für unsere ganze Kultur geworden weit über alle engere Kometentheorie hinaus. Mit unerwartet andersartigen Zinsen zahlte sich jetzt der kühne Streich aus, der aus solchem himmlischen Lichtwölkchen einen moralischen Wert gemacht hatte.
Inzwischen ging der Komet selber, der jetzt an einer Stelle seines Systems, dem er angehörte, einen Namen besaß, wieder ungestört auf seine Neptunswanderung. Er überschlug die ganze Epoche Goethes und fand sich erst, übrigens durchaus programmäßig, im August 1835 bei uns wieder ein.
Im ganzen war die Luft jetzt gereinigt; wir wollen milde sagen, noch nicht auf der ganzen Linie der Weltanschauung, aber doch zweifellos in der Kometentheorie. Die Kometen gehörten selbst im weiteren Kreise nicht mehr der überweltlichen Pädagogik, sondern dem Gravitationsgesetz an.
Im Jahre 1770 hatte Herr Semmler, Mathematikprofessor zu Halle, schon als Friedensweg vorgeschlagen, es könne nichts schaden, beim Anblick der Kometen jedesmal an die sittliche Besserung zu denken, aber einen wirklichen Einfluß »in die sichtbare Körperwelt, in die Reiche, Republiken und Regierungen der Menschen, könne man den Kometen nicht zuschreiben, weil sie so weit von der Erde entfernt bleiben, daß sie nicht das Geringste in derselben wirken können«. Die Welt war aber infolge von Spinoza, Voltaire, Goethe und andern inzwischen so verderbt geworden, daß sie sogar über Herrn Semmler eine stille Heiterkeit nicht ganz unterdrücken konnte.
Indessen, seltsam genug, der Halleysche Komet fand eine neue Stimmung vor, die doch in einem Punkte wiederum gegen die offene und helle Entdeckerfreude von 1759 bedenklich abstach.
Gerade die damals so wundervoll bestätigte Idee, daß also wirklich Kometen wie echte planetarische Vasallen regelmäßig um die Sonne laufen könnten, hatte sich in der Zwischenzeit so fest eingebürgert, daß sie auch die phantasiefrohen, zu weitesten Spekulationen aufgelegten Elemente der Denkerwelt notwendig umfassen und anregen mußte. Nachdem in der jäh eingetretenen Sintflut neuer und freier Ideen die alte biblische Schöpfungslegende arg verschwemmt worden war, hatten sich alle möglichen kühnen Weltbau-Spekulationen vorgewagt. Buffon, Kant, Laplace hatten das Sternsystem nach natürlichen Prinzipien entstehen lassen. Dabei konnten zumeist doch auch die Kometen jetzt nicht aus dem Spiel gelassen werden. Buffon besonders baute eine grandiose Spekulation auf, wie ansausende Kometen in Urtagen die Sonne geradezu angerempelt, wie sie glühende Brocken von ihr abgerissen und in weiter Schwungbahn hinausgeschleudert hätten; aus solchen Sonnenbrocken seien die Planeten geworden. Der Komet erschien in solchem Falle wenigstens in seinem Kern als ein wahres Ungetüm, das über alle Planeten selber ging, ein rasender Stoßwidder, vor dem selbst die Sonne Fetzen lassen mußte. Die kosmogonischen Ideen von Kant und Laplace haben später diesen kühnen Weltentraum des genialen Mannes in den Hintergrund gedrängt; längere Zeit aber galt er als wahre »natürliche Schöpfungsgeschichte«, und wer sich heute die Mühe macht, ihn zu lesen, staunt noch immer über die Schärfe der Gedanken (mit damaligem Wissensmaterial natürlich) und die Herrlichkeit der Schilderung.
Die Kehrseite aber war, daß die Leute den wirklich sehr nahe liegenden Schluß zogen, so etwas könne »rein natürlich« doch auch heute noch geschehen. Die Kometen passierten nicht nur heute noch höchst bedenklich dicht die Sonne, sondern sie durchschnitten, wenn sie selber periodische Sonnenvasallen geworden waren, wie der Halleysche, fortgesetzt Planetenbahnen. Warum also nicht auch aktuelle Gefahr der fürchterlichsten Karambolagen mit den Planeten? Die Erde war nur ein Planet … warum nicht auch mit ihr? Kein besonderer Zorn Gottes … aber eine ganz reale astronomische und eben deshalb auch dem Nüchternsten äußerst fatal plausible Möglichkeit!
Und ganz still, aber treffsicher kroch von hier das Gespenst einer neuen Angst in die breite Masse hinein. Nicht weil man den rechnenden Astronomen diesmal ablehnte, sondern gerade weil man ihm glaubte, aus diesem Glauben aber dann gewisse Schlüsse zog, die wieder einmal nichts weniger als angenehm sein konnten.