Das Jahr 1835 bedeutete in dem Punkte eine wahre erste Krisis. Einmal, 1773, war die Sache schon in Frankreich etwas akut geworden. Es hieß, die Fachastronomie habe bestimmt ausgerechnet, daß die Erde am 12. Mai durch einen Kometenstoß untergehen werde. Sie halte es nur geheim auf Wunsch der hochwohllöblichen Polizei. Ausgerechnet! Das Wort hatte auf einmal einen scheußlichen Klang. Kometen ließen sich errechnen. Kometen »bedeuteten« nicht mehr das Eintreten anderer Übel. Sie »waren« selber etwas. Aber dieses Etwas war nun selbst am Ende gefährlich. Und so stand schließlich gerade in der Rechnung diesmal der Weltuntergang! Der angesetzte Termin war indessen ohne Krach verlaufen und das hatte zunächst genügt; es scheint sogar nicht, daß kometarisch viel überflüssiger Wein vorher ausgetrunken und viel überflüssig geküßt worden ist; ein sehr realer Krach, nämlich die große französische Revolution, lag schon zu sehr in der Luft, und wer reserveküßte, tat es auf diesen »Weltuntergang«. Dagegen soll die Geistlichkeit großen Zuspruch gehabt haben.
Gerade im Anfang der Dreißiger des neuen Jahrhunderts war aber nun die Sensationsbombe bei uns in Deutschland erst recht eigentlich geplatzt.
Einige Jahre vorher hatte ein österreichischer Hauptmann, Wilhelm von Biela, festgestellt, daß ein schon mehrfach früher beobachteter Komet periodisch sei und zu bestimmten, diesmal sehr kurzen Terminen wiederkehre. Als dieser nach ihm benannte Bielasche Komet für 1832 wieder fällig war, hieß es (ganz korrekt) aus astronomischen Kreisen, er habe eine so eigentümliche Bahn, daß er am 29. Oktober des Jahres mit seinem Kopf die Erdbahn streifen werde. Wohlverstanden: die Erdbahn. Das große Publikum mit Einschluß der Zeitungsredaktionen verstand aber nicht wohl, sondern las: die Erde. In Wahrheit war die Erde selbst damals gerade 11 Millionen Meilen von der kritischen Schnittstelle ihrer Bahn entfernt. Der bekannte Astronom Littrow mußte mit einer wahren Proklamation eingreifen, um eine allgemeine Panik zu verhüten.
Aber die Angst war nun einmal eingeimpft und wollte nicht mehr zu Ruhe kommen. Und im Grunde hatten auch die Fachastronomen kein so ganz reines Gewissen beim Beruhigen. Gewiß: es lag zurzeit keine bekannte Kometenbahn so, daß ein Zusammenstoß unvermeidlich war. Aber eine Garantie gab das noch lange nicht. Entscheiden konnte nur, wenn einer nachwies, ein solcher Zusammenstoß sei für die Erde ungefährlich. Würde man das aber einmal beweisen können?
Nicht seine Bahn, sondern seine Beschaffenheit war in diesem Sinne das eigentliche Wissens- wie Angstproblem, als der Halleysche Komet auch 1835 pünktlich erschien.
Bessel nahm ihn besonders aufs Korn, ein Mann, gleich stark als Theoretiker wie als Beobachter. Zum erstenmal wurde jenes erwähnte Phänomen sehr im Detail gesehen: wie der Komet in der Sonnennähe seine Hülle erst gegen die Sonne wolkenhaft hebt, dann aber ebenso energisch rückwärts als Schweif von der Sonne fortfließen läßt. Daß die Entstehung dieses Schweifs den Angelpunkt aller Theorien über die innere Natur der Kometenkörper bilden müsse, hatte man früh begriffen. Schon Kepler hatte sich daran versucht. So setzte auch Bessel hier ein und wagte Vermutungen. Aber noch blieb alles in der Schwebe, als der Halleysche Komet schon wieder in seinem entfernteren Bahnabschnitt verschwand. Zunächst schien er diesmal nur neue und zum Teil bange Rätselfragen hinterlassen zu haben.
Es war sein letztes Verschwinden vor dem heutigen Termin. Noch einmal waren 76 Jahre Frist gegeben, um sich durch Nachdenken und Vergleichen mit andern inzwischen auftauchenden Kometen in der Beschaffenheitsfrage schlüssig zu werden.
Die Rechnung selbst war allerdings nicht mehr rückgängig zu machen. Sie lief und läuft, und sie läuft heute auf das wirkliche und wahrhaftige Zusammentreffen von Erde und Kometenschweif. Diesmal ist es keine Verwechslung und keine Zeitungsente. Es fragt sich also doppelt brennend, was die letzten 76 Jahre noch hinzugetan haben, uns zu wappnen; denn der Streich wird diesmal (falls die Bahn sich nicht noch ändert) vollführt, das bleibt fest.
Und da ist es denn doch noch einmal sehr viel, was wir hinzubekommen haben. Ja es ist das wirklich Entscheidende erst.