Die Schweifmaterie widersteht der Gravitation!

Auf sie wirkt die Sonne nicht ziehend, wie auf den Kern, sondern umgekehrt abstoßend.

Treibt den Kern die Gravitation wie ein unhemmbarer Sturm so nah wie seine Eigenbewegung nur irgend zuläßt an die Sonne heran, so wirkt diese gleiche Sonne auf den Schweif wie ein Gegenwind, der ihn senkrecht fortwirbelt!

Schon eine ganze Weile, ehe der Kometenkopf seine größte Sonnenannäherung erreicht hat, macht sich dieser Gegenwind, wie bereits erzählt ist, geltend, der Schweif beginnt von ihm abzuwehen, wie Korn aus einem undichten Sack, der als Ganzes senkrecht nach der Schwere fällt, dessen ausfliegende Frucht aber zugleich ein Konträrwind lang hinter ihm fortwirbelt.

Dieses Abströmen ist auch mit der Hitze, die in Sonnennähe auf die Meteoritenwolke des Kerns wirkt, nicht erklärt. Mag diese Hitze Kohlenwasserstoffe aus den einzelnen Meteorteilchen vorlocken, mag sie auch allmählich einen Teil ihres Salzinhalts verflüchtigen und in gelben Flammen verbrennen, mag sie endlich gar Eisenteile dort so verdampfen, daß wir es dicht an der Verdampfungsstelle spektroskopisch wahrnehmen können, obwohl der Kern in solchem höchsten Moment selber stets weit, weit von uns entfernt ist und Sonnennähen erlebt, die wir niemals mitmachen können: das alles kann bei ihm jedenfalls nur aufsteigende Wolken auf seiner Sonnenseite erzeugen, wie wir sie ja auch tatsächlich dann sehen. Daß aber schon ganz früh eine gewisse Kernmaterie sich sonnenabgekehrt einem phosphoreszierenden Schatten gleich von diesem Kern hinterwärts über Millionen von Meilen auszugießen beginnt; daß selbst jene Hitzewolken immerfort eine Tendenz zeigen, fontänenhaft rückwärts mit gewissen ihrer Teile auch in diesen Ausguß wieder abzufließen: das erklärt an sich die Hitze so wenig wie die Gravitation. Auf diese »gewissen Teile«, diese »gewisse Kernmaterie« muß noch ein aparter Bann für sich wirken.

Ein Bann, der der Gravitation entkommt: es liegt wahrlich schon für die allgemeinste theoretische Erwägung nahe, auch hier nur an allerfeinste Teilchen zu denken, Teilchen, für die das Bild auch nur eines meteorischen Staubkorns, das einzeln an unserer Atmosphäre bei der Berührung als helle Sternschnuppe aufglänzen könnte, außerordentlich viel zu derb wird.

Eine erste Theorie hat auch hier an elektrische Wirkungen gedacht.

Bessel, als er 1835 eben bei dem vorletzten Erscheinen des Halleyschen Kometen das Wunder der Wolkenbildung und Schweifablenkung dort zum erstenmal genau studierte, war schon darauf gekommen. Er sowohl wie sein Freund Olbers und ihr gemeinsamer großer mathematischer Berater Gauß sahen klärlich ein, daß es sich um eine Abstoßungskraft zwischen gewissen feinsten Kometenteilchen und der Sonne handeln müsse, und man hatte für solche Abstoßung zunächst nur eine einzige Naturwirkung zur Verfügung, nämlich die bekannten Abstoßungserscheinungen gleichartiger Elektrizitäten.

Wenn der Komet der Schauplatz eigener intensiver elektrischer Prozesse war; wenn in der Sonnennähe außer der wachsenden Sonnengravitation auch die eigenen elektrischen Wirkungen der Sonne sich immer mehr merkbar machten; wenn die Kometenelektrizität und die Sonnenelektrizität gleichartig waren und somit dem Gesetz unterlagen, daß gleichartige Elektrizitäten sich abstoßen: so erhielt man zunächst als Basis überhaupt eine abstoßende Macht. Nahm man nun Kometenteilchen von einer Feinheit der Stoffzerstreuung an, daß diese elektrische Abstoßung die Gravitation in ihnen überbieten mußte, so ließ sich eine abstoßende Fortbewegung im Gegensatz zur Schwererichtung konstruieren, die diese Teilchen als »Schweif« senkrecht von der Sonne aus dem Kern und seinen Wolken in die Planetenräume hinausjagte.

Zöllner hat ähnliche Gedanken später zu einer großen Theorie ausgebaut. Heute kann man sie in der veränderten Symbolsprache moderner Elektrizitätsanschauungen ausdrücken, ohne daß doch das Grundbild, scheint es, dabei ein wesentlich anderes würde. Gewisse leise Schwierigkeiten sind stets in der Art geblieben, wie man sich die volle Übermacht der elektrischen Abstoßung über die Gravitation denken sollte.