Keine leiseste Theorie existiert, die solche Abstoßung, sei sie nun elektrischer Natur oder Strahlungsdruck, auch nur noch auf solchen feinen Meteorstaub, wie er in unsern Sternschnuppen verpufft, anwendbar dächte. Es muß sich um eine noch viel, viel minutiösere Stoffauslese handeln.

Kein Gedanke, daß sich etwa ein einheitlicher dicker Giftqualm einschmuggeln könnte, der unsere ungeheure, rasend schnell vorbeibewegte und in ihren tieferen, dichteren Schichten, in denen wir atmen, wie eine Art hygienischen Watteschutzes um die Erde gewundene Atmosphäre völlig durchsetzen könnte.

Keine entfernteste Möglichkeit heißer Dampfstrahlen etwa aus glühendem Wasserstoff oder Eisendämpfen, die der Komet nach Art der Sonnenprotuberanzen zu uns herüberschleudern könnte. Der ungeheure Sonnenball selbst hat wahrlich andere Explosivmittel und Stoffmaterialien als solches Kometenwölkchen zur Verfügung, er wirft unter Umständen wirklich glühende (wenn auch stofflich sehr dünne) Wasserstoffgarben in die Höhe, die siebzigtausend Meilen ansteigen können; keine dieser Sonnenprotuberanzen könnte aber auch nur die Bahn des innersten Planeten, des Merkur, bedrohen, der immer noch rund sieben Millionen Meilen über der höchsten Protuberanz dahinzieht. Um aus einem Kometenschweif eine glühende Wasserstoffprotuberanz zu machen, müßte man den zur Sonne so schwachen Kometenkern aber Garben werfen lassen bis zu zwanzig Millionen Meilen. Das Unsinnige liegt schon so zutage, abgesehen von all den andern Gegengründen.

Das elektrische Glühen der unendlich feinen Schweifmaterie wird man sich auch nur als einen beständigen schwachen Ausgleich zwischen den winzigen Einzelteilchen denken müssen im Sinne des Aufleuchtens der außerordentlich verdünnten Materie in unsern Geißlerschen Röhren.

Es ist ja erstaunlich, in was für Stadien der Verdünnung sich kosmische Körper offenbar befinden können, ohne doch die Fähigkeit des Leuchtens und die Wirksamkeit für unsere Spektralapparate zu verlieren.

Jeder hat von den echten Nebelflecken gehört, ungeheuren Gebilden, in denen leuchtende Gasmassen sich über unfaßbar riesige Gebiete des Raumes ausdehnen. Diese Nebelflecken geben trotz ihrer enormen Entfernung so viel Licht, daß wir sie photographieren können; einzelne, wie der Orionnebel, erscheinen schon in kleinen Fernrohren als imposantes Objekt. Im Spektroskop erkennt man sehr gut auch noch die hellen Linien der Gassubstanzen, die da glühen, und man darf daraus mit Sicherheit auf Wasserstoff, Stickstoff und Helium schließen.

Die ältere Annahme hielt nun auch solchen Nebelfleck für ein echtes höllenhaftes Glutmeer, in dem unsere Erde augenblicklich verpuffen würde wie eine Sternschnuppe. Neuere Astronomen denken dagegen genau umgekehrt an Gase, die leuchten, weil sie so außerordentlich verdünnt sind und bei sehr niedrigen Temperaturen im kalten Raume schweben. Auch hier mag man irgendein elektrisches Glühen vermuten, für das Gase gerade in diesem Zustande besonders geeignet erscheinen. Über die wirklich kolossale Verdünnung kann aber bei den Raumverhältnissen in diesem Falle kein Zweifel sein.

Arrhenius berechnet in einem Nebelfleck, dessen Gas den vielfachen Raum der Neptunbahn einnähme, die Dichte des Gases nur auf ein Billionstel der Dichte unserer Luft. Und doch erscheint der Nebel, in fernen Fixsternräumen schwebend, noch als Lichtgebilde für uns und gibt Stofflinien im Spektralapparat ganz wie ein Komet, der relativ dicht neben uns um unsere Sonne geht!

Dem Laien pflegt durch die allgemein verbreitete Kant-Laplacesche Bildungstheorie die Vorstellung ganz besonders geläufig zu sein, daß unser eigenes Sonnensystem mit all seinen Planeten und Monden einst auch eine einheitliche gashafte Nebelmasse dieser Art gebildet habe, wobei die jetzt zur Sonne und ihren Planeten und Monden geballte Materie sich bis über die Neptunsbahn einheitlich lose ausgedehnt hätte. Scheiner hat gerade das aber gelegentlich auch einmal exakt durchgerechnet, und er hat als Resultat bekommen, daß unsere Atemluft an der Erdoberfläche 240 000 Millionen mal so dicht sei, als diese anfängliche Nebelmaterie höchstens gewesen sein könne. Das sogenannte Vakuum unter unsern Luftpumpen, das wir gern stolz als »leeren Raum« bezeichnen, stellt im guten Falle erst ein Hunderttausendstel unserer Luftdichte dar. Man bekommt hier einen Begriff, was wirklich leerer Raum hieße.

Bei jenem 240 000 Millionstel unserer Luft stehen wir tatsächlich noch bei realen Körpern, die selbständig leuchten und ein Lichtspektrum geben, das ihre Elemente verrät! Erst weit jenseits dieser Werte würde aber die Welt des Lichtäthers selbst beginnen, auf deren Wellendruck Arrhenius seine Kometenteilchen in den Schweifen dahinsegeln läßt.