Sie werden aber nichts mehr von uns wissen, diese Kommenden, diese Besseren, diese Geklärteren: so raunt der trübe Gedanke. Die jungen Götter der Sage, die wieder mit neuen goldenen Kugeln spielen, erzählen sich die Geschichte der alten Schuld, die im Weltenbrande gesühnt wurde, als ein wunderbares Märchen. Von uns wird nie wieder einer erzählen; von den eingestampften Opfern eines kosmischen Fortschrittsexperiments.
Vielleicht gibt es aber doch All-Träume, die selbst dem standhalten, wenn auch wir zu träumen wagen.
Im All geht in Wahrheit nichts verloren. Auch keine Form. Nichts, was einmal war. Unser Bild wandert noch nach Äonen mit Lichtpost zu fernen Sternen. Aber es lebt auch verborgen in allem folgenden fort. Wer die Formel weiß, kann es ewig aus seinen Wirkungen wieder zusammensetzen. Nur darum ist ja schon bei uns eigentlich Geschichte möglich. Darum beleben sich die alten Ichthyosaurier wieder vor unserm Blick. Geschichte ist der Triumph der geheimen Allgegenwart aller Dinge.
Auch Sehnsucht nach Geschichte, nach Aufdecken, Wiederfinden der Vergangenheit liegt aber von gewisser Stufe ab in aller Arbeit der Natur. Intelligenz muß immer wieder hierher lenken. Nun denken wir uns Intelligenz unendlich über unserer, die aus wenigen Formeln das ganze Farbenbild der Vergangenheit wieder ablesen, wieder erwecken könnte. Unendliche Zukunftsarbeit würde in diesem Sinne auch eine unendliche Rückwärtsarbeit werden. Ein unendliches Wiederfinden aller abgerissenen Fäden über noch so viel Weltenbrände hinaus. Was haben aber auch wir eigentlich schon mehr als das in unserm individuellen Leben, jeder von uns, innerhalb unserer eigenen Kultur: als ein rastloses Arbeiten im Augenblick, in dem gerade bei uns die große Naturflamme lodert; und ein Hörensagen von andern vor uns, die keiner mehr direkt sieht, eine Geschichtstradition von früheren, toten Generationen, denen die Fackel aus der müden Hand gesunken ist; das muß uns genügen und genügt uns doch zu frohem Tagesschaffen. Ob die Nacht zwischen dir und diesem oder jenem alten Forscher und Denker nun nicht bloß durch Menschengräber und Kinderlachen, sondern wirklich durch Weltenstürze und neue goldene Weltkugeln geht: was würde es ändern?
Hinter allem aber (darauf weihe auch dein Glas, sei es nun wirklicher Goldwein oder bloß Geistestrank) muß zuletzt doch das große Naturgeheimnis bleiben, mit seinem dunkeln Auge, das immer gleichmäßig auf uns weilt, das nie zuckt, was sich auch vollziehe. Es muß jeden einzelnen von uns über kurz oder lang aufnehmen. Stellen wir ihm auch die Menschheit anheim. Wenn einer es je einmal zur Antwort bringt, kann das auch nur in der Linie unendlicher rastloser Arbeit geschehen. Dann löst diese Arbeit es aber rückwärts für uns alle mit. In diesem dunkeln Auge des Geheimnisses finden wir uns alle wieder …
Das sind Gedanken, die jetzt mit dem Kometen wirklich nicht mehr zu tun haben, als daß auch sie etwas durch Neptunsweiten schweifen.
Bleiben wir näher. Sagen wir uns, daß dieses silberne Wölkchen da oben nun abermals seine 76 Jahre von uns fern weilen wird, uns so lange aus dem Gesichtskreise verlieren wird.
Nehmen wir ihn als alten Menschenfreund und alten Menschenkenner, diesen einsamen Weltenwanderer da droben, der schon so viel mit uns durchgemacht hat, so viel Menschenglauben und Menschentand hat zerschellen und immer doch (wir hoffen es) etwas saure Menschenarbeit hat triumphieren sehen. Was wird er finden, wenn er nach seinen 76 Jahren wiederkehrt?
Ein Glas dem Problematischen, das doch noch in all unserer Wissenschaft steckt. Ein Klang der einen großen Wahrheit, daß noch niemand ganz recht hat; daß noch keine unserer Weltanschauungen ganz recht haben kann; und daß zum Glück noch keine ganz recht hat. Was wird er finden?
Wird unsere Naturforschung in 76 Jahren ganz zur äußerlichen Technik geworden sein, die sich von allen tiefsten Denkwerten abgelöst hat? Oder wird sie den Anschluß gefunden haben, der für ihren höheren Menschheitswert der entscheidende sein muß: an eine echte idealistische Weltansicht? Oder ist das noch zu früh?