„Ja,“ rief Mirea, „sie hat noch kein graues Härchen!“[11]

„Und keine Falte!“ ergänzte Andrei. „Wir finden keine Frau, die Deiner[12] wert ist!“ sprach Mirea und küßte den Schleier auf der Mutter Haupt. „Du stellst sie alle in den Schatten!“ lachte Andrei und küßte den kleinen Finger der Hand, die eben den wunderfeinsten Faden spann. „Mein Vater war ein glücklicher Mann!“ rief Mirea.

„Und wir sind glückliche Kinder!“ fügte Andrei hinzu. Die Mutter lächelte zu dieser lieblichen Wechselrede und erzählte ihnen Geschichten von der Großmutter und der rauhen Zeit, in der die[13] gelebt, von ihrem gestrengen Vater und noch gestrengerem Gemahl.

Die Mahlzeiten, welche die drei mit einander einnahmen, waren so heiter, als wäre das Haus voll Gesellschaft, wenn aber wirklich Gäste kamen, wurden sie stiller, wie es der Würde des Hauses ziemte. Sie waren treffliche Gastgeber und brachten manche Nacht auf dem Boden zu, um ihr gutes Lager den Fremden einzuräumen.

Allen Menschen wurde es[1] wohl in dem trauten Heim, in dem die Liebe wohnte.

Eines Tages waren die beiden Brüder auf der Jagd und streiften an den steilsten Felsen entlang, den Bären zu finden, der jüngst großes Unheil angerichtet. Endlich waren sie ihm[2] auf der Spur und lautes Brummen, sowie das Hinabrollen der Steine verkündete seine Nähe. In dem Augenblicke aber, als Mirea den Wurfspieß schleudern wollte,[3] flog aus einem nahen Gehölze ein andrer Speer dem Tiere[4] gerade in die Weiche, worauf glockenhelles[5] Gelächter erklang. Der Bär richtete sich auf und schritt auf den Hinterbeinen dem Gehölz zu,[6] mit wütendem Brummen. Andrei sah die Gefahr, in welcher der kühne Jäger sich befand, und während Mirea trotzig sagte: „Möge er die Jagd beendigen, die er angefangen!“ rief Andrei: „Hörtest Du nicht, es war ein Knabe!“ warf sich dem Bären,[7] der ihn überragte, in den Weg und bohrte ihm sein Messer bis an das Heft in die Schulter. Der Bär hieb in die Luft und stürzte dann tot zusammen. „O wie schade!“ rief die helle Stimme, und aus dem Gebüsch trat ein wunderschönes Mägdlein hervor, in kurzem Gewande, mit Sandalen und einer weißen Pelzmütze, unter welcher sich wild und üppig die braunen Locken hervorstahlen. Sie hatte grüne Augen mit goldenem[1] Kern und braune, kühn geschwungene Brauen. Von den Schultern hing ihr ein Mantel von schneeweißem, seidigem Ziegenhaar, in der Hand hielt sie ein ebensolches breites Messer wie Andrei, mit dem sie festen Fußes[2] den Bären erwartet hatte. „Wie schade!“ rief sie wieder, „nun habe ich ihn nicht erlegt!“ und Thränen traten ihr in die Augen. Andrei stand ganz beschämt und betrachtete den Bären, als hätte er ihn gern[3] wieder lebendig gemacht, dem schönen Mädchen zu liebe. Sie stieß das Tier mit der Fußspitze, ohne[4] zu wissen, was sie that, nur um ihren Unmut zu verbergen; da wandte sich der Bär noch einmal und hieb nach ihr. In demselben Augenblick ward[5] sie zurückgerissen und mit einem:[6] „Unverständiges Kind!“ scheltend von[7] Mirea auf die Füße gestellt. Verwundert sah sie in die Höhe, denn die Stimme war dieselbe wie die des jungen Mannes vor ihr, und nun gar das Gesicht zum Verwechseln ähnlich. Mit offnem Munde, wie ein kleines Kind, sah sie von einem Bruder zum andern, bis alle drei in ein stürmisches, nicht enden wollendes Gelächter ausbrachen. „Ihr seid ja[8] doppelt!“ rief das Mädchen, „wie zwei Haselnüsse in einer Schale!“

„Wir sind auch Haselnüsse aus derselben Schale,“ sagte Andrei, „wer bist Du denn, kleine Waldfee? Du bist doch nicht etwa eine verkappte Hexe, die uns verderben wird?“

„Wer weiß!“ sagte das Mädchen, „ich bin vielleicht eine Hexe, mein Großvater hat es schon oft gesagt, und ich bin[1] doch erst eine Woche bei ihm.“

„Wir möchten[2] Dich gleich[3] als schlimme[4] Hexe behandeln und Dich auf unsrer Burg gefangen setzen, da Du auf unserm Grund und Boden ohne Erlaubnis gejagt,“ sprach Mirea.

„Wir haben auch eine schlimme Mutter auf der Burg!“ sagte Andrei.