„So?“ rief das Mädchen, „die muß ich sehen, ich bin Eure Gefangene!“

Sie rief einen Jäger herbei, gab ihm einige Aufträge an[5] den Großvater, befahl ihm, sie mit den Pferden abzuholen und schritt lustig mit den Brüdern auf den schwindligsten Pfaden der Burg zu.[6]

Die Mutter der beiden jungen Leute, Frau Roxana,[7] sah zum Fenster hinaus und wunderte sich, was für einen jungen Hirten ihre Söhne mitbrächten.[8] Hinterher trug man den Bären auf Baumästen.

Als sie in die Nähe der Burg gelangten, rief Frau Roxana erschrocken: „Aber, mein Gott,[9] das ist ja[10] ein Mädchen! Wo haben sie denn das[11] gefunden?“ Einige Augenblicke später erschallten die jugendlichen Schritte und Stimmen im Hofe, dann in der Halle, dann im Saal.

„Mutter!“ rief Mirea, „hier bringen wir einen Gefangenen, einen Jäger, der uns die Jagd verdorben! Was soll seine Strafe sein?“

Frau Roxana betrachtete das junge Mädchen mit großer Bangigkeit; sie hätte[1] sie am liebsten wieder so schnell als möglich fortgeschickt; es war aber ein so bezaubernder Anblick, daß Frau Roxana gütig lächelte und die Hand reichte, die das junge Mädchen ehrerbietig küßte. „Ich denke die ärgste Strafe für sie wird[2] wohl sein, mit mir alten Frau einige Stunden zu spinnen!“

„O ganz und gar nicht; ich spinne so fein wie eine Fee; der Wurfspieß hat meine Hand nicht schwer gemacht. Und was das Alter betrifft, so befinde ich mich soeben in der einzigen Gesellschaft meines Großvaters, der den ganzen Tag im Sessel sitzt, und der immer einschläft, wenn ich ihm was erzählen will.“ Indem sie sprach, nahm sie ihren Mantel ab und wollte ihn niederlegen, Andrei aber kam ihr höflich zuvor. Frau Roxana nahm ihr selbst die Pelzmütze ab und strich ihr das krause, feuchte Haar aus der erhitzten Stirn. Sie war noch viel schöner so, wie von einer Löwenmähne umwogt, und Mutter und Söhne betrachteten sie wohlgefällig.

„Wie heißt Du denn, liebes Kind?“ fragte jetzt Frau Roxana.

„Ich heiße Urlanda;[3] welch häßlicher Name, nicht wahr! Rolanda[4] wollten sie mich nennen, aber weil ich so wild war und so viel Spektakel gemacht habe, wurde Urlanda daraus.“ Sie sagte das mit einer so komischen tiefen Stimme, daß alle lachten. „Mein Großvater wohnt auf der andern Seite der Berge;[1] ich bin heute weit gelaufen.“

„Nun, dann wird Dir die Mahlzeit munden, die unsrer[2] wartet.“