Sie traten in den Speisesaal, der mit den schönsten orientalischen Teppichen ausgehängt war, und in welchem prächtiges Silberzeug prangte.

Die beiden jungen Männer sprachen mäßig dem Weine zu, den sie mit Wasser mischten, die Frauen ließen sich an Wasser genügen. Anmutig floß das Gespräch dahin; man erzählte sich Bärenabenteuer,[3] immer eines merkwürdiger als das andere, und Rolanda ließ sich darin nicht überbieten; sie wußte immer noch unglaublicheres zu erzählen, und in so ernsthaftem Tone, als wenn sie einen Eid darauf schwören wollte.[4]

Viel Heiterkeit veranlaßte ihr fortwährendes Verwechseln der beiden Brüder, und als sich Andrei als ihren Lebensretter vorstellte, ward Mirea eifrig und meinte, er habe[5] sie vor einer letzen Umarmung des Bären bewahrt. „Gut,“ rief sie heiter, „daß ich Euch beiden mein Leben verdanke; sonst könnte[6] ich meinen Lebensretter niemals erkennen!“

Nach Tisch bat sie um Kunkel und Spindel; sie wollte zeigen, daß ihr Spinnen keine Bärengeschichte sei. Dies that sie mit einem schlauen Blick auf die Brüder. Und wirklich, der Faden, den sie auszog, glich dem[7] einer Spinne, so fein und gleichmäßig war er zur großen Bewunderung von Frau Roxana.

„Ich kann auch sehr schön sticken,“ sagte das junge Mädchen, „das hat mich meine Mutter gelehrt, die[1] stickte wie eine Fee und hat gemeint, sie würde meine Wildheit zähmen mit so schönen Arbeiten; aber ich war immer schneller fertig als sie dachte, und ehe sie sich dessen versah, war ich schon wieder draußen, im Gestüte oder auf der Jagd.“

Sie seufzte ein ganz klein wenig: „Jetzt ist das Gestüt verkauft und reiten kann man auch nicht in den elenden Bergen, man hat gar keinen Platz! Ach! da sind die Pferde!“ rief sie und sprang vom Stuhl. „Ich muß jetzt fort,[2] sonst komme ich nicht vor der Nacht heim, und der Großvater kann gewiß schelten, wenn er will; er hat so buschige Augenbrauen und so viele Falten drum[3] herum!“

Sie flog auf Roxana zu, küßte ihr die Hand, grüßte die beiden Brüder mit einem Schwenken ihrer Pudelmütze, die sie auf die Locken warf, war zum Saal hinaus[4] und wie ein Knabe im Sattel, wie ein Wirbelwind.

Die Brüder hatten aber auch ihre Pferde bestellt, den jungen Gast bis zur Grenze des Besitztums zu begleiten, und alle drei lachten und grüßten zu Frau Roxana hinauf, die mit ernsten Augen und lächelndem Munde hinabsah. Es[5] lag ihr die Sorge auf dem Herzen, sie wußte nicht weshalb und hätte gern die Söhne zu sich zurückgerufen.

Rolanda wollte bergauf und bergab galoppieren und war kaum daran[6] zu verhindern; erst als ihr Mitleid für die Pferde rege gemacht wurde, ließ sie nach und sagte seufzend: „Diese wandelnden Stühle nennt Ihr Pferde!“

Da[1] die Nacht hereinbrach, lud sie die Brüder ein, nun beim Großvater einzukehren. Der alte Herr saß am[2] Ofen und strich seinen schneeweißen Bart, der ihm weit über die Brust hinabreichte.