„Ich bitte Euch um Gotteswillen, behaltet mich bei Euch! Der Großvater ist tot, ich habe ihm die Augen zugedrückt, ich habe ihn gewaschen und angezogen und in den Sarg und ins Grab gelegt und habe mich nicht gefürchtet; aber da sind die Verwandten gekommen, eine ganze Schar und haben sich um das Erbe gestritten und gerauft und haben mich wütend gescholten, da er mir etwas vermacht, und einer mit einem kahlen Scheitel begehrte mich gleich zur[1] Frau! Hu! Da habe ich mich gefürchtet! So ein Kerl! Ich habe ihm aber gesagt, daß ich Urlanda heiße und so böse bin, daß mich gar niemand heiraten kann. Ich will auch gar keinen Mann, ich will bei Euch bleiben, so lange Ihr mich nicht hinausjagt!“
Frau Roxana hatte alle Mühe, die hervorsprudelnden Worte zu verstehen und hatte dann noch mehr zu thun, das aufgeregte Mädchen zu beruhigen. Sie zog sie an ihr Herz, glättete die wilden Locken und führte sie dann in die kleine weiße Kammer, die sie schon oft bewohnt, und sagte ihr, hier solle ihr Heim sein, so lange ein Dach über dem Hause sei.
Rolanda warf sich ihr in die Arme und küßte ihre Hände und versprach, so sanft zu werden, so sanft, wie ein großer, stiller See! Frau Roxana lächelte und meinte, die Sanftmut werde kommen, wenn sie einmal Frau[1] sei.
„Aber ich will keine Frau werden, ich will immer ein Mädchen bleiben und frei, frei, wie ein Vogel!“
Frau Roxana seufzte ganz leise und horchte auf die Stimmen ihrer Söhne, die eben heimkamen und zuerst nach Rolanda fragten, die sie hatten[2] von fern heranlaufen sehen.
Es[3] war eine merkwürdige Wandlung in dem Benehmen der Brüder, seit der Stunde, daß Rolanda bei ihnen war. Sie hatten sie als ihre kleine Schwester begrüßt, worauf das junge Mädchen plötzlich schüchtern und befangen ward. Sie gingen von nun an viel mehr hinaus, als früher, aber nicht mehr mit einander, sondern auf getrennten Wegen, und Rolanda blieb viel bei der Mutter, war zerstreut und träumerisch und weinte heimliche Thränen. Wenn sie sich unbemerkt glaubte, sah sie oft von einem Bruder zum andern und wieder zurück, als wollte sie etwas entdecken, das ihr dunkel geblieben. Noch jetzt verwechselte sie die beiden oft, dann lachte sie aber nicht, sondern blickte ängstlich zur Mutter hinüber. Frau Roxana sah mit Betrübnis, wie eine düstere Wolke über ihrem Hause sich zusammenzog, und weinte noch viel heimlicher als Rolanda, seitdem jeder ihrer Söhne einzeln ihr in der Dämmerstunde seine große, unendliche, unbezwingbare Liebe gebeichtet und hinzugefügt hatte:
„Glaubst Du, mein Bruder liebt sie auch? Er ist so verändert! Und wem von uns wird ihr Herz sich zuneigen?“ —
Frau Roxana trug manche Kerze ins Bergkirchlein zu Lespes[1] und hoffte durch die mühsame Wallfahrt den Himmel günstig zu stimmen, daß nicht ein großes Unglück über sie hereinbreche.[2]
Rolanda war in der letzten Zeit in unbeschreiblicher Aufregung; denn an dem nämlichen Tage hatten Mirea und Andrei, ohne von einander zu wissen, jeder ihr seine Liebe gestanden, und das arme Mädchen erforschte vergebens ihr Herz; sie hatte eben beide lieb, viel zu lieb, um einen unglücklich zu machen; sie konnte sie[3] auch in ihrem Herzen nicht von einander trennen, so wenig wie mit den Augen. Sie wolle Frau Roxana nichts sagen, um ihr nicht wehe zu thun, und sah, wie die Brüder sich[4] nicht mehr mochten[5] und sogar scharfe Worte wechselten, was sonst nie geschehen.
Da rief eines Tages Frau Roxana die drei zu sich und sprach: