Sie ging ihnen voran, als schwebte sie, nur ihre Hände waren durchsichtig wie Wachs und die Augen, die sie zum Himmel hob waren voll Thränen. Auf schwindelnd steilem Absturz blieb sie stehen und kniete vor Frau Roxana nieder:

„Segne mich, Mutter!“ sprach sie. Frau Roxana legte ihre zitternden Hände auf das schöne Lockenhaupt.

„Und jetzt,“ sprach Rolanda mit heller[3] Stimme, „jetzt hört mich an! Ich habe Euch beide so lieb, so unendlich lieb, mehr als mich selber, mehr als mein Leben, darum kann ich mich keinem geben, aber wer mich aus dem Abgrund holt, des[4] Weib will ich sein!“

Noch ehe einer die Hand ausgestreckt, flog sie wie ein Vogel über den Felsenrand in die unermeßliche Tiefe. Aber — o Wunder! — im Stürzen[5] verwandelte sie sich in einen schäumenden Wasserfall, in der Luft zerstäubend, wie ein bräutlicher Schleier. Die beiden Brüder wollten ihr nachstürzen, konnten aber nicht, denn ihre Füße wurden[1] Felsen, ihre Arme Felsen, ihre Herzen Stein, und so ragten sie zum Himmel empor.

Die unglückliche Mutter aber breitete die Arme aus und rief: „Und ich allein soll leben! O Himmel, hast Du denn kein Erbarmen?“ Und mit ausgebreiteten Armen fiel sie zur Erde, ihre Kinder umklammernd. Und siehe, wo sie lag, verwandelte sich alles in dichtes, weiches Moos, das sich weiter und weiter ausbreitete und die Felsen zur Hälfte einhüllte. So stehen sie noch und werden immer so stehen, die wilde, bräutlich weiße Urlatoare, die opferfreudigen Söhne, die Jipi, und deren treue, zärtliche Mutter.


[III]
Die Hexenburg

Wenn man im Prahovathal[1] hinaufgeht, so kann man Cetatea Babei,[2] „die Hexenburg,“ nicht sehen, weil sie hinter dem Bucegi,[3] liegt. Sie ragt als spitzer[4] Kegel empor und scheint[5] mit Ruinen bedeckt; von dort bis zu den Jipi[6] liegt ewiger Schnee.

Vor[7] langen, langen Zeiten, als noch die Wölfe[8] die Herden hüteten, und Adler und Tauben bei einander nisteten, stand dort eine stolze Burg, in der es[9] sehr emsig zuging. Immerfort trippelten hundert eilige Schritte hin und her. Bei Nacht aber brannte im Turm ein Licht und schnurrte ein mächtiges Rad, und ein merkwürdiger, leiser Gesang schwebte über dem Schnurren und schien damit Takt zu halten. Die Leute im Thal blickten scheu hinauf und flüsterten: „Sie spinnt wieder!“ Die[10] aber dort oben spann, war die Herrin der Burg, eine schlimme Zauberin, der die Bergmännlein alles Gold aus dem Erdenschoß brachten, damit sie für alle Bräute den Goldfaden[11] spänne,[12] der am Hochzeitstage ihre Häupter schmückt. Das Gold wurde in Massen bei[13] ihr ausgeschüttet; sie wog und wählte und wehe dem Bergmännlein, welches[14] das gehörige Maß nicht gebracht; das wurde zwischen Stamm und Rinde eines mächtigen Baumes geklemmt, bis es das letzte Körnchen Goldes[1] hergegeben, oder es wurde ihm nur der Bart eingeklemmt, und da konnte es zappeln und ach und wehe schreien, — die Alte machte taube Ohren. Sie hatte darum den Namen Baba Coaja[2] bekommen, „Mutter Rinde,“ oder, weil sie so hart war wie eine Brotkruste, und so runzelig wie eine alte Eiche. Sie allein verstand die Goldfäden zu spinnen und machte sie im voraus für viele hundert Jahre. Eine wunderschöne Tochter hatte Baba Coaja, die hieß Alba,[3] „die Weiße,“ denn sie war weiß wie der Schnee, der die Bergspitzen beständig bedeckt. Sie hatte eine Haut wie Samt und braune Augen wie Samt, und Haar wie die Goldfäden, die die Mutter spann.

Sie war immer eingeschlossen, denn Baba Coaja hatte viel Arbeit für sie, und es[4] sollte sie auch niemand sehen und keiner freien, Sie mußte die Goldfäden aufwinden und in unterirdischen Kellern schichten, für alle die hundert und hundert Jahre.