Diese Arbeit war aber der holden Maid sehr zur Last, weil die Mutter allerlei böse Sprüche und Zauber sang und murmelte, während sie spann, so daß jeder Braut schon ihr Teil Unglück und Herzeleid mitgegeben war, sobald die Goldfäden auf ihrem Haupte geruht, und Alba gedachte traurig des Ungemachs, das so im voraus bestimmt wurde. Ja, sie setzte sich sogar einmal selbst ans Rad, während die Mutter fort war, und spann ein Stück, indem sie nur gutes wünschte. Als aber Baba Coaja nach Hause kam, wurde sie ganz wütend, schlug ihre Tochter unbarmherzig und sagte: „Du sollst nicht eher heiraten, als bis Du Dein eigenes Gespinst wieder erkennst!“ und damit[1] warf sie das Stück zu dem übrigen.
Die Alte war im Herzen froh, daß sie einen Vorwand hatte, ihre Tochter bei sich zu behalten, da ihr prophezeit war, Alba werde[2] sehr unglücklich werden und früh sterben. Das einzige Wesen auf der Welt, das sie lieb hatte, war ihr holdes Kind; wie[3] sehr sie sich aber bemühte, Alba[4] Freude zu machen mit schönen Kleidern und allerhand hübschen Sächelchen, — sie brachte doch keine Farbe in ihre Wangen und kein Lachen in ihre Augen; denn das einzige, wonach sich das Mägdlein sehnte, war Freiheit, und die ward ihr nicht zu teil. Wie gern[5] wäre sie einmal unter den Bäumen gewandelt, die den Fuß des Berges schmückten, auf dem sie lebte. Dort oben wuchs nichts als kurzes Gras, und es war länger Winter als Sommer. Wenn der Wind um die Burg heulte und tobte, als wollte er sie in Stücke reißen, dann wurde es[6] ihr so traurig ums Herz; oft saß sie vor dem Kamin und starrte ins Feuer, sah dem Funkensprühen zu und dachte an gar nichts.
Manchmal lauschte sie den unheimlichen Gesängen der Mutter, während das Schnurren des Rades und das Heulen des Sturmes sich mischten, und dann dachte sie darüber[1] nach, warum ihre Mutter den Bräuten soviel Bitternis in die Goldfäden spinne,[2] warum denn die Menschen nicht froh und glücklich sein dürften in dem schönen Sonnenschein, der doch immer fröhlich aussähe. Aber sie konnte niemals den Grund finden und schlief ein vor lauter Denken.
„Mutter,“ sagte sie einmal und stützte das Kinn auf die Hand, — „sind denn die Menschen gerade so wie Du und ich, oder haben sie eine andere Gestalt und andere Gedanken?“
„Was gehen Dich die Menschen an? Sie sind alle sehr böse und würden Dir nur übles thun, wenn sie Dich bekommen könnten.“
„Aber neulich kam ein wunderschönes Tier unsern Berg herauf, und darauf saß einer, der war viel schöner als alle Bergmännlein; er hatte schwarze Locken und gar keinen Bart[3] und einen Purpurmantel — war das kein Mensch?“
Die Alte erschrak heftig bei dieser Rede und sprach: „Wenn der[4] noch einmal hier heraufkommt, so werde ich ihm den Hals brechen, und die[5] im Thale werden ihn nie wieder sehen!“
„O Mutter! Thu das nicht! Er war so schön!“
„Wenn Du noch einmal an ihn denkst, so sperre ich Dich in den Keller, das sage ich Dir und lasse Dich Gold wiegen Tag und Nacht; Du thust[6] so wie so[7] schon gar nichts mehr in der letzten Zeit und sitzest immer so[8] da und stellst unnütze Fragen. Hast Du denn nicht alles, was Dein Herz begehrt?“
„Nein, Mutter, ich möchte auch ein so schönes Tier haben und darauf sitzen. Hier sind immer nur Schafe, auf denen[1] kann man nicht sitzen.“