„Jetzt willst Du gar noch ein Pferd haben, Du thörichtes Kind! Siehst Du denn nicht, daß es lebensgefährlich ist, hier zu reiten? Das Gras ist glatt, und die Abgründe sind tief, und ein Fehltritt, so liegt man zerschmettert da unten!“

Alba dachte lange darüber[2] nach, warum es für die Pferde gefährlich sei, da doch die Schafe so sicher gingen; sie bekam aber auch hierauf keine Antwort, da sie nicht zu fragen wagte. Die Bergmännlein kamen ihr nun noch viel häßlicher vor, als früher, und das Gold war ihr so zuwider, sie konnte es gar nicht mehr sehen. Sie dachte nur an das schöne, schöne Pferd und an den Jüngling, dem es den Hals kosten sollte, wenn er sich wieder sehen ließe.[3] Warum wollte ihm die Mutter den Hals brechen? Auch hierauf fand sie keine Antwort, wie sehr[4] sie auch nachdachte. —

Einige Zeit darauf ritt der schöne Jüngling wieder den Berg empor; ihn reizte die Neugier, zu sehen, wer in der gewaltigen Burg wohne, deren Mauern aus lauter Felsblöcken bestanden.

Er war ein Königssohn und hieß Porfirie[5] und war nicht[6] gewohnt, etwas nicht zu können; seiner stürmischen Natur war jede Schwierigkeit willkommen. Wenn man ihm vom Heiraten sprach, sagte er, er wolle seine Braut einem[1] Drachen entreißen oder von einem Felsen pflücken, nur nicht so ganz gemütlich Freiwerber schicken und eine gewöhnliche Hochzeit machen.

Alba war gerade damit[2] beschäftigt sich zu schmücken, als Zeitvertreib, nachdem sie den[3] ganzen Morgen Gold gehaspelt. Sie hatte Hände und Gesicht gebadet, das lange Haar mit dem Elfenbeinkamm gekämmt, um die Stirn eine doppelte Perlenreihe gelegt, in welche sie seitwärts eine Alpenrose[4] steckte. Ihr Gewand war weiß, mit goldenem Gürtel, darüber kam[5] ein grüner Samtmantel, der mit Perlenketten von einer Schulter zur andern befestigt war. Um das schneeweiße Hälschen legte sie Smaragden, so groß wie Taubeneier, ein Geschenk der Bergmännlein, und dann betrachtete sie sich im Spiegel, in dem sie aber nicht sehen konnte, wie ihr goldenes Haar schimmernd auf dem grünen Samt lag. Nein, sie mußte wirklich schlecht sehen,[6] oder der Spiegel war schlecht; denn jetzt schlug sie sich ins Gesicht und rief: „Wie häßlich bin ich! Nein, wie häßlich! Darum versteckt mich die Mutter vor allen Menschen, und giebt mir schöne Kleider und Juwelen, wie einer Königin, um zu vergessen, wie häßlich ich bin!“

In dem[7] Augenblick erklangen Hufe auf den Felsen und mit entsetzensstarren Augen erblickte sie den schönen Fremden, dem es den Hals kosten sollte,[8] wenn er wieder auf der Burg erschiene. Er mußte gewarnt werden, um jeden Preis. Wie eine Gemse flog sie bergab, mit wehendem Mantel und flatternden Haaren,[1] in denen sich[2] die Sonnenstrahlen zu fangen schienen.

Der junge König sah sie über die Felsen daherfliegen, als[3] berührte ihr Fuß die Steine nicht, und hielt sein Pferd an in staunender Bewunderung. Er fragte sich, welch’ Königskind, welche Bergfee ihm da entgegenflöge, und nun winkte sie mit beiden Armen und rief atemlos: „Zurück! zurück! Komm’ nicht hier herauf! Es wäre Dein Tod!“

„Und wäre es mein Tod,“ rief er, „so würde ich fröhlich sterben, da ich die schönste Maid erblickt, die je auf Erden gewandelt!“

Alba blieb vor ihm stehen, ein leises Rot überflog ihre Wangen, und ihn mit großen[4] Augen anschauend sagte sie: „Bin ich denn schön?“

„Ja, wunderschön, so reizend bist Du mit Deinem goldenen Haar und Deinen goldenen Augen, daß ich Dich liebe, von dieser Stunde an!“