Als Mosch Gloantza die Felsplatte erreichte, zuckte ein Blitz zu seinen Füßen und dröhnte ein Donner, wie Erdbeben, von unten herauf.

„Ah! Mosch Gloantza!“ scholl es[2] von allen Seiten. „Willkommen hier oben! Wir bringen der Mutter Gottes Blumen, weil sie hier immer Wolken hat, und siehe, nun hat sie schon den Segen gesandt! Jetzt erzähle uns was,[3] erzähle!“ —

Der alte Mann schob die Pelzmütze zurück und die buschigen Augenbrauen in die Höhe:

„Was soll ich denn erzählen?“

„Von alten, alten Zeiten!“ riefen die Mädchen, zogen ihn auf ein Felsstück nieder und sammelten sich um ihn, die einen setzten sich ihm zu Füßen, die andern blieben vor ihm stehen, noch andere erschienen lachend auf den Felsen über ihm und legten sich dorthin, um besser zu hören. Er aber hub an:

„Wißt ihr denn, wer den Tschachlau gemacht hat?“

„Nein“ — „Ja! o gewiß!“ scholl es ringsum; „der liebe Gott[4] natürlich!“

„Fehlgeschossen!“[5] rief der Alte, „der liebe Gott hat die Sonne gemacht und die andern Berge und die Flüsse, aber den Tschachlau, den[6] haben die Rumänen gemacht.“

„Die Rumänen?“ riefen die Mädchen, wie aus einem Munde.

„Vor langen, langen Jahren, es[1] weiß kein Mensch, wie lange, da war hier ein großer Krieg. Die Feinde, die zum Dniestr[2] heranrückten, waren gar nicht wie Menschen, sondern wie wilde Tiere. Sie waren klein und krumm[3] und hatten flache Gesichter, so gelb wie Zitronen, und ihre Augen waren so klein, daß man sie gar nicht sah. Sie waren mit ihren Pferden zusammengewachsen[4] und jagten dahin, wie die Heuschrecken mit dem Ostwind. Wo[5] sie hinkamen, da war alles im Umsehen verzehrt und blieb nichts zurück als der nackte Boden. Die Kunde von ihnen hatte das Land mit Schrecken erfüllt, doch waren die Rumänen entschlossen, ihren Boden bis aufs äußerste zu verteidigen. Sie verbündeten sich mit einem andern Volke, das war von heller Haut, blauäugig[6] und hoch gewachsen, mit langem, gelbem Haar, von dem einige mit dem Messer in Holzstäbe[7] schreiben konnten, und vereint zogen sie an den Dniestr, die Schwärme von grausamen Heuschrecken nicht herüberzulassen. Der Kampf war lang und heiß, und das Wasser des Dniestr war rot von Blut und schwer von Leichen, aber die Leute ohne Augen ließen sich durch nichts erschrecken. Und wie viele man ihrer auch[8] tötete, es kamen mehr und mehr, immer drei für einen, der gefallen war. Sie hatten vergiftete Pfeile, die den[9] sichern Tod gaben, und wenn sie in nächster Nähe einen[10] abgeschossen, so jagten sie davon, um mit Lanzen wieder vorzustürmen. Die Leichen im Dniestr bildeten endlich eine Brücke, über welche die kleinen Pferde herüberkamen, und die Rumänen mußten sich hinter den andern Fluß, den Pruth,[1] zurückziehen, um sich dort von neuem zu verteidigen. Die Schlacht dauerte acht Tage; blutrot ging die Sonne auf, und blutrot ging sie unter, und blutrot waren Fluß und Feld. Endlich sprach der Fürst[2] der gelbhaarigen Leute: „Wir müssen weichen, aber wo finden wir ein Bollwerk gegen diese Drachen?“