In Qual und Ohnmacht zuckt mein Hirn und ich will mich quälen. Ich will mich weiden an seinem Schmerz, denn ich liebe den Schmerz, er ist das Ewige; die ganze Vergangenheit beherbergt sein Vaterschoß und alle Zukunft wird aus ihm geboren. Ja, ich will mich weiden an meinem Schmerz! —

Wir waren alle so betrunken, so betrunken.

Ein wilder Rausch, der unsre Geisteskräfte herrlich potenzierte, der das Denken mit verjüngten Energien speiste, ließ uns alles tiefer, heftiger empfinden.

Es war der schöne, mystische, grandiose Durchbruch, den allein die sexuelle Spannung in den ersten Stadien der Geschlechtsbrunst leisten kann, wenn noch alles in verklärter Schönheit erscheint und in tausendfach gesteigerten Verhältnissen genossen wird.

Er saß dort in der großen Fensternische. Von der Seite fiel auf sein dämonisch blasses, furchenwildes Gesicht grelles Lampenlicht. Jeder seiner scharf geschnittenen Züge trat noch schärfer, deutlicher, beinahe karikiert hervor, jeder Zug ein Abgrund unbezwinglichen, unentrinnbar suggestiven Willens.

Ein Fatum lag in diesen Zügen. Ich kann mich deutlich erinnern, dass ich ihn damals garnicht als Persönlichkeit empfand, sondern als verkörperlichte Macht, als das Werkzeug einer Macht, die auf uns alle, brütend, lauernd, ihre Hand gelegt hielt. So sah ich Menschen, die in wenigen Stunden sterben oder verunglücken sollten. So sah ich Menschen, auf deren Stirn sich ein entsetzlicher Entschluss kundtat.

Er sprach mit seiner Schicksalsstimme das mächtige Gedicht eines Freundes. Ich konnte nicht dem Sinn der einzelnen Sätze folgen, ich empfand nur ihren grauenstiefen, schmerzlichen Gefühlsuntergrund, eine Stimmung aus zuckenden Blitzen und keuchenden Sehnsuchtsstürmen gewoben. In mir fühlte ich die ringenden Hände, sah sie, wie sich jeder Muskel krampfhaft spannte, ihre Blutgefäße zu blauen Aderbeulen schwollen. Aus tiefen Grüften sah ich diese Hände sich nach Oben strecken, die ringenden Hände der schmerzhaften Brunst:

»Niemals sah ich die Nacht beglänzter,

Diamantisch reizen die Fernen...«

Sie spielte weich, gedämpft eine Begleitung auf dem Klavier. Ich weiß nicht wie es kam, aber plötzlich richtete sich meine ganze Seele auf ihr Spiel. Ich kroch in jeden Ton, ich fasste sie mühsam zusammen, mit tausend Händen umfasste ich krampfhaft tausend Sätze, tausend Töne kribbelten und krochen mir in meine Nerven, und so stand ich da mit tausend geballten Fäusten, tausend Lanzettenstichen durch mein Hirn — und plötzlich verstand ich...