Ich beuge mich über die Ballustrade, blicke die Böschung hinab.
Und wieder Lichter. Weiße, schmale Streifen, und jeder Streifen ein runder, großer Zylinder; weißer Strich in der Mitte, verfließend nach den Rändern hin mit tief und tiefer blauen Schatten, und weiter feinen, feinsten Abstufungen ins Schwarze hinein.
Das sind die Gedanken meiner unbewussten, dunklen, maßlosen Tierseele; wie spärlich, wie ärmlich, wie verfließend.
Ein Meer von Licht, ein endloses Bewusstsein will ich haben, um mit eigenen Zähnen in das Räderwerk meines Schicksals hineinzubeißen! —
Vorn im Straßendunkel tauchen zwei glühende Reihen Laternenlichter auf, parallel nach beiden Seiten hin verschwindend; ein Lichtkreis in den andern eingekeilt, mit spielend strahlenden Protuberanzen. Und diese beiden Reihen stehen vor der schwarzen Wand des Himmels, der die Erde im nächtlichen Schweigen küsst. Sie stehn wie Flammenschwerter vor dem Tore des verlornen Paradieses und hüten die Geheimnisse überweltlicher Lüste; sie, die schweigenden Paradieserzengel.
Und ich gehe und gehe in die schwarze Nacht hinein. Weitab verschwimmt die Stadt, nur von ferne zucken flimmernde Reflexe, Fäulnisphosphoreszenzen eines Sarkophages.
Im feuchten, taubehangenen Moose lieg’ ich; über mir der Sternenhimmel, dunkle Fernen vor mir, und in meinem Herzen Angst und Grauen.
Ja, mir graut vor diesen schweigenden Geheimnissen, Angst steigt in mir auf, zittert, wühlt in allen meinen Fibern; jeder Grashalm, der sich zu mir neigt, wird mir zur Angst, das Säuseln des Windes, die ganze Welt ist mir zur Angst geworden. Das Weib lebt und zuckt in ihr, treibt und ängstigt mich; sie peitscht mein Herz in wilde Raserei, wie eine Flutwelle staut sie sich in mir, grinst in mir empor, wächst sich aus zu langen Fingern und umkrallt meinen Kehlkopf — oh, das fürchterliche Gesicht mit den dumpf abgründigen Augen! ich sehe es, ich seh’ es wieder.
Die Lichter erlöschen. Über den weiten, öden Feldern brütet die Angst des Todes. Kalt, öde stehen am Wege die Stümpfe kahler Bäume. Von Zeit zu Zeit streicht der Wind über die toten, schwarzen Felder und pfeift ein schauriges Nachtlied.
Ich gehe an der Hand meiner Mutter auf dem kotigen Landweg. Wilde, unheimliche Angst lähmt meine Glieder.